Erdöl-/Erdgasindustrie

Aserbaidschan ist reich an vielfältigen Bodenschätzen einschließlich der Erdöl- und Erdgasvorkommen hauptsächlich auf der Halbinsel Abscheron und im Kaspischen Meer. Deswegen ist der bedeutendste Wirtschaftsfaktor des Landes die Erdöl- und Erdgasförderung und -verarbeitung.

Aserbaidschan zählt zu den ältesten Orten der Erdölförderung. Erster Erdölbrunnen auf der Halbinsel Abscheron sprudelte 1594. Zum ersten Mal in der Welt wurde das Erdöl auf industrielle Weise in 1848 in Baku gebohrt. Die Weltunternehmen wie jene der Familie Baron Rothschild oder der Brüder Alfred und Robert Nobel prägten das Erdölgeschäft in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus bis zur Oktober-Revolution von 1917 in Baku. Zahllose, zum Teil geniale Erfindungen bahnten dem Erdöl Bakus und der Halbinsel Abscheron trotz der Binnenlage den Weg in alle Welt.

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts produzierte Baku etwa 50 Prozent der Erdölförderung der Welt und 95 Prozent der Erdölförderung Russlands. Zu dem Zeitpunkt arbeiteten in diesem Bereich mehr als 60.000 Menschen aus rund 30 Nationen. Etwa 76 % des Treibstoffs und über 90 % des Flugbenzins für die Versorgung der Roten Armee im 2. Weltkrieg kamen aus Baku.

Heute im aserbaidschanischen Sektor des Kaspischen Meeres lassen sich über 100 Strukturen identifizieren, die Erdöl oder Erdgas enthalten könnten. Charakteristisch für Aserbaidschan ist, dass alle bisher erschlossenen Erdölfelder einen Gasanteil enthalten und Gasfelder immer auch einen flüssigen Anteil. Die großen Erdöl- und Erdgaslagerstätten Aserbaidschans befinden sich mehrheitlich auf der Halbinsel Apscheron, im aserbaidschanischen Sektor des Kaspischen Meeres, im Nordwesten des Landes (Region Siyazan-Kuba) und in der Fläche von Kür-Araz. Bis zu 90% der großen Erdgasvorkommen und mehr als 70% der Erdölvorkommen werden allerdings im Off-Shore vermutet. Bis heute sind nur 1/5 des aserbaidschanischen Schelfs erkundet worden.

Schätzungen der nachgewiesenen aserbaidschanischen Erdölvorkommen bewegen sich zwischen 1,2 und 2,4 Mrd. Tonnen (5,2 Mrd. Tonnen nicht nachgewiesen). Nachgewiesene Erdgasvorkommen sind 1,5 Billion m³ (2-2,5 Billion m³ nicht nachgewiesen).

Der erste aserbaidschanische Ölvertrag, der als „Jahrhundertvertrag“ (in Höhe von 7.4 Milliarden US Dollar) in die Geschichte einging, wurde am 20. September 1994 in Baku zwischen der Staatlichen Ölgesellschaft von Aserbaidschan (SOCAR) und einem internationalen Konsortium von elf Ölfirmen aus sieben Staaten unter Führung von BP/Amoco abgeschlossen. Bei diesem als Production Sharing Agreement (PSA) bekannte Vertrag behält der Staat de jure den Eigentümerstatus und überträgt lediglich die Eigentumsrechte eines Teils des produzierten Erdöls an Investoren. Zwischen 1995 und 2005 wurden weitere 23 „Production Sharing Agreements“ (PSA) mit 30 Ölfirmen aus 15 Ländern unterzeichnet.

Im Rahmen dieser Ölverträge sollten 40 bis 50 Mrd. USD für die Erkundung, Erschließung und Ausbeutung von aserbaidschanischem Erdöl investiert werden. Der Anteil von SOCAR variiert je nach Vertrag zwischen 10 und 50% und der Anteil Aserbaidschans als historischer Besitzer der Ressourcen zwischen 50 und 80%.

Bei der Bildung der Konsortien hat Aserbaidschan westliche und benachbarte Staaten durch Beteiligungen eingebunden. Heute sind mehrere Erdölfirmen aus US, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Italien, Norwegen, der Türkei, Russland, Iran, Japan, Saudi-Arabien u.a. in Aserbaidschan tätig.

Das geförderte Erdöl wird zur Zeit durch drei Pipelineverbindungen in die Märkte befördert. Die sind die Pipelines Baku-Tbilissi-Ceyhan (Aserbaidschan-Georgien-Türkei), Baku-Supsa (Aserbaidschan-Georgien-Schwarzes Meer) und Baku-Novorrossijsk (Aserbaidschan-Russland-Schwarzes Meer).

Baku-Tbilissi-Ceyhan-Pipeline, die im Juli 2006 offiziell in Betrieb gesetzt worden ist, ist 1768 km lang und ist fähig, pro Jahr 50 Mio. Tonnen Erdöl zu transportieren. Die Pipeline führt vom Kaspischen Meer nahe Baku über Tbilissi (Georgien) an die Küste des Mittelmeers bei Ceyhan (Türkei). Die Pipeline wird anfangs das aserbaidschanische Erdöl aus den Erdölfeldern Azeri-Güneschli-Tschiragli an die Weltmärkte transportieren. Künftig soll auch kasachisches Erdöl durch die Pipeline fließen. Eine entsprechende Vereinbarung unterzeichneten die Präsidenten Aserbaidschans und Kasachstans bereits am 16. Juni 2006. Ein Anschluss Kasachstans, das über große Ressourcen verfügt, trägt entscheidend zur maximalen Auslastung der BTC-Pipeline bei. Das Erdöl wird per Tankschiffe über Kaspisches Meer nach Baku und danach durch die BTC-Pipeline hin zu internationalen Märkten befördert werden. Bis 2008 werden täglich 1.000.000 Barrels Erdöl durch die Pipeline fließen. Nach der Erreichung der Null-Balance, der Amortisierung der Investitionskosten, wird die Pipeline gemäß Bakuer Abkommen von 17.10.2000 in die volle Kontrolle und Verwaltung Aserbaidschans übergehen.

Im Hinblick auf das Erdgas ist das Erdgasfeld „ Shah Deniz“ das Größte von Aserbaidschan. Es befindet sich 60 km weit von Baku im aserbaidschanischen Sektor des Kaspischen Meeres. Das Abkommen über die Förderung des Shah-Deniz-Feldes wurde im Juni 1996 in Baku unterzeichnet. Die Erdgasvorräte des Feldes werden auf ca. 1 Billion m3 geschätzt. Neben Aserbaidschan (10%) beteiligen sich auch BP (25.5%), Statoil (25.5 %), Total (10 %), LUKAgip (10 %), NICO (10 %) und TPAO (9 %) an der Bearbeitung des Feldes. Bis Ende 2006 zu eröffnende „Südkaukasische Gaspipeline“ soll Erdgas in die Türkei und von dort aus weiter Richtung Europa leiten. Die Pipeline wird parallel zur BTC-Pipeline gebaut und wird eine Kapazität von 16 Mrd. m³ pro Jahr haben.

Die Einnahmen Aserbaidschans aus dem Ölgeschäft werden vom Staatlichen Ölfonds (SOFAR) verwaltet, dessen Vermögen im Juni 2008 auf ca. 5 Mrd. USD angewachsen ist. Mit diesem soll für die Zukunft Aserbaidschans nach dem Ölzeitalter vorgesorgt und makroökonomische Stabilität geschaffen werden.